Crowdfunding für Einsteiger – Teil 3 von 3

Dies ist Teil 3 der Artikelreihe „Crowdfunding für Einsteiger“. Teil 1 und 2 findet ihr hier und hier.

Stretch Goals als Lockstoff

Stretch Goals (oder Verbesserungsziele, wie es in der Spieleschmiede heißt) sind einer der treibenden Faktoren wenn es darum geht, ein Projekt attraktiv zu machen, sind aber auch Gegenstand kontroverser Diskussionen. Wenn das Fundingziel erreicht ist, gibt es bei vielen Spielen alle paar Tausend Dollar, Euro, wasauchimmer jenseits des Fundingziels Verbesserungen für das Spiel. Seien es Materialupgrades wie dickere Pappe, ein Linen-Finish für die Karten oder zusätzliche Inhalte wie mehr Karten oder Miniaturen – es gibt Stretch Goals in mannigfaltiger Art und können durchaus Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg eines Projekts haben. Denn: Immer wieder begegnet mir in Kommentaren und auf boardgamegeek.com die Erwartungshaltung einiger Spieler, dass es sich ja nur lohne, ein Projekt zu unterstützen, wenn es mit vielen „geknackten“ Stretch Goals aufwartet. Sie sehen das Angebot grundsätzlich erst einmal als ungenügend an, und steigen nur ein, wenn möglichst viele Stretch Goals erreicht sind, und damit das Gebotene deutlich aufgewertet wird. Ein Henne-Ei-Problem.

Dass viele Projektgründer diesen Trend erkannt und sich zu Nutze gemacht haben, entgeht ihnen dabei anscheinend. So werden offensichtlich zum Grundspiel gehörende Elemente einfach herausgekürzt, und kurzerhand als „Upgrades“ in Stretch Goals verlegt. Prominentes Beispiel: Blood Rage von CMON. Die Figuren der Erweiterungen Shamans of Midgard und Gods of Asgard wurden auf einzelne Stretch Goals verteilt. Insbesondere bei den Schamanen ist offensichtlich, dass diese Erweiterung gar nicht funktionieren kann, wenn nicht sämtliche Schamanen freigeschaltet worden wären. Hier werden also künstlich Stretch Goals erzeugt, um den Eindruck zu vermitteln, jede Menge Bonuskomponenten mit jedem gefällten Stretch Goal zu erhalten. Dass diese Komponenten schon längst als Teil des Pakets geplant und fertig sind, erkennt man auch daran, wie nicht erreichte Ziele aus „Nettigkeit“ nachträglich freigeschaltet werden, wie z.B. im Fall von The World of Smog: On Her Majesty’s Service. Vergleicht einmal die Stretch Goals mit den Einnahmen. Ob das so gehandhabt wird, unterscheidet sich natürlich von Projekt zu Projekt. Das gebotene Grundspiel eines jeden CMON-Kickstarters wirkt, gemessen am Preis und im Vergleich mit dem finalen Gesamtpaket, tatsächlich wie ein schlechter Witz. Erst die Stretch Goals machen das Pledge zu einem fairen, gefühlt sogar grandiosen Angebot. CMON hat dieses Prinzip verstanden und perfektioniert: wer ein CMON-Projekt auf kicktraq.com verfolgt wird sogenannte Spikes sehen, die immer dann auftreten, wenn ein neues Addon zum Spiel enthüllt wird. Das animiert viele Backer dazu, ihren Beitrag zu erhöhen, was wiederum in weiteren geknackten Stretch Goals mündet.

Ein cleveres Vorgehen. Die Millionen von Dollar, die ihnen Spieler aus aller Welt hinterherwerfen, geben ihnen Recht – zum Ärger kleinerer Verlage, die lieber von vornherein ein komplettes Spiel finanziert sehen möchten, sobald das Fundingziel erreicht ist, und auf Stretch Goals verzichten – eben weil sie das Paket nicht künstlich auseinander nehmen, die Balance des Grundspiels nicht mit zusätzlichen Komponenten gefährden oder den von ihnen gesteckten Zeitplan auch wirklich einhalten wollen.

Nicht unüblich sind aber auch Stretch Goals, bei denen sonst kostenpflichtige Erweiterungen Teil des Pledges sind, wenn der entsprechende Betrag erreicht wurde. Wer das Spiel später im regulären Handel erwirbt, muss diese Erweiterungen dann separat kaufen.

COLLECTOR’S EDITION? SHUT UP AND TAKE MY MONEY!

Mit Stretch Goals sind oft auch sogenannte Exclusives verbunden, also Komponenten die nur erhält, wer ein Spiel im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne unterstützt. Meister der Kickstarter Exclusives sind (wieder mal) CMON, die ihren Projektunterstützern exklusive Inhalte im Dutzend zum eigentlichen Spiel dazupacken, wenn sie nur das Spiel hier, jetzt und im Voraus bestellen. Exclusives haben sich – analog zu den Stretch Goals – zu einer Art Hassliebe in der Crowdfunding-Szene gemausert.

Projekten ohne Exclusives (oder Inklusiv-Erweiterungen) bleibt meist nur der dicke Hinweis, wieviel günstiger das Spiel im Rahmen der Kampagne gegenüber der UVP zu bekommen ist (oder eben niemals). Gleichzeitig schadet letztere Herangehensweise aber der Retail-Ausgabe weniger, weil es keine Exclusives gibt, die eine „Entwertung“ dieser Ausgabe darstellen. Der vermeintlich niedrigere Preis (vergesst die Versandkosten nicht) ändert aber nichts daran, dass große Anbieter wie coolstuffinc die Retail-Ausgabe später teilweise noch günstiger, oder zumindest ohne das Ausfallrisiko zu einem vergleichbaren Preis verkaufen als ein Pledge auf Kickstarter kostet. Ein Beispiel dafür: Thief’s Market, das für 17 Dollar auf Kickstarter lief. coolstuffinc verramschte es zeitweise für 10 Dollar; Stand Ende Juni 2017 war es immerhin für 14 Dollar oder 13 Dollar bei miniaturemarket.com erhältlich. Für Backer der Kickstarter-Kampagne ein Tritt ins Gesicht. Sie haben mehr gezahlt und praktisch keinen Mehrwert gegenüber der Handelsversion, da es hier eben keine Exclusives gab. Dafür kann der Hersteller freilich nichts. Diesen Umstand suchen viele Projekte mit Exclusives zu egalisieren, die den Backern einen klaren Mehrwert gegenüber der ordinären Standard-Version bieten soll. laboitedejeu ging sogar soweit, die Collector’s Edition von Outlive zu einer Kickstarter-exklusiven Variante zu erklären – die Zahlen sprechen für sich.

Generell gehen sogenannte Deluxe- oder Collector’s Editions mit aufgewertetem oder zusätzlichem Inhalt deutlich besser über die virtuelle Theke, zumal diese oft mit  exklusiven Inhalten bestückt werden, welche die Standard-Edition nicht erhält – nicht via Kickstarter und schon gar nicht im Handel. Es entsteht das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nur die schnöde Standard-Edition wählt (bzw. das Spiel später ohne Exclusives im Handel kauft), da das Angebot der Schickimicki-Editionen eben mit Ablauf der Projektlaufzeit vorüber ist. Es gilt: Jetzt oder nie – oder zum dreifachen Preis bei ebay. Ob man diese Inhalte überhaupt braucht, geschweige denn jemals auf den Tisch bekommt, und sie auch was taugen, erfährt man (wenn überhaupt) erst später. Daher solltet ihr die Unterschiede zu den normalen Ausgaben immer kritisch beäugen. Muss man noch das dritte Set Metallmünzen haben, oder kann man nicht doch eines derjenigen nutzen, die man schon hat? Plastikmarker sind hübsch und haptisch ihrem Papp-Pendant oft überlegen, aber sind sie den Aufpreis gemessen am Nutzen wert? Fragt euren Geldbeutel, euer Spieleregal und gegebenenfalls eure bessere Hälfte – wenigstens eine/r/s davon weiß die Antwort.

Erwartungshaltung, Anspruch und Realität

Ein spannender Aspekt von Crowdfunding-Projekten ist, dass man am Entwicklungsprozess von der beendeten Kampagne an bis zur Auslieferung teilhaben kann. Das erfolgt üblicherweise in Form von Updates, in denen der Projektgründer Neuigkeiten zum Status des Entwicklungsfortschritts, zur Produktion und zur Verschiffung melden können und sollten. Manche Hersteller kriegen das auf die Reihe und liefern immer wieder Neuigkeiten, und wenn es nur eine Preview zu einem Charakter, Karten oder eben ein „Nichts neues“ ist. Nichts bringt Backer mehr auf die Palme, als wenn ein Hersteller Funkstille hält. Megacon Games, Hersteller von Myth, sowie CMON liefern hier Paradebeispiele wie man es nicht machen sollte. Während die Projekte laufen, gibt es reichlich Interaktion mit der Community und regelmäßige Updates. Nach Projektende vergehen dann Wochen und Monate, bis man sich meldet. Als Backer hängt man in der Schwebe und malt sich aus, dass das Geld weg sei und die Belohnung nie ankommt. Je länger das letzte Update her ist, umso stärker brodelt auch die Gerüchteküche. Das scheint irgendwie dazu zu gehören. Tatsächlich sehen die Hersteller nur keine Notwendigkeit, jeder Zuckung des Projekts ein Update zu gönnen, und das ist aus meiner Sicht auch in Ordnung.

Als Backer muss man sich im Klaren darüber sein, dass man vom Projektende an mit schlechter Kommunikation zu rechnen ist. Das gehört leider zur Crowdfunding-Realität, wenngleich es positive Ausnahmen wie z.B. Soda Pop Miniatures oder Cephalofair Games gibt, die fast wöchentlich ein kleines Update verschicken, und damit der Community zeigen, dass es voran geht – auch wenn es nicht viel zu melden gibt.

Auch Verspätungen gehören zum Alltag im Crowdfunding (im klassischen Verlagsgeschäft übrigens auch, nur bekommt man es dort als Endkunde kaum mit). Die Gründe reichen von unzureichender Planung, Änderungen an Komponentendesigns, das berüchtigte Chinesische Neujahr (dann stehen sämtliche Produktionslinien still) bis hin zum Bankrott eines Containerschiff-Betreibers. Wer ein paar Projekte unterstützt hat, addiert schon vor dem Einsteigen pauschal ein paar Monate auf den angegebenen Liefertermin drauf, um eine etwas realistischere Erwartungshaltung einnehmen zu können. Spätestens wenn sogar dieser Termin gerissen wird, legt man sich am besten eine „It’s done, when it’s done„-Mentalität zu, weil sich das einst freudig erwartete Spiel sonst zu einem Frustobjekt entwickeln kann, das man am liebsten gar nicht unterstützt hätte. Wundert euch übrigens nicht, wenn ihr ein Paket geliefert bekommt, ohne je eine Versandmitteilung erhalten zu haben. In vielen Fällen habe ich Versandmitteilungen für Spiele bekommen, die schon seit Tagen oder gar Wochen in meinem Regal stehen. Ist auch entspannter, als wenn man diese Mail pünktlich bekommt, und am liebsten die Tracking-Seite im 5-Minutentakt aktualisieren würde.

Behaltet im Fall eines Umzugs unbedingt eure noch ausstehenden Projekte im Auge und korrigiert die zuvor angegebene Adresse im Pledge Manager oder kontaktiert den Projektgründer direkt, sonst kann eine Nachlieferung ziemlich kostspielig werden. Verwendet im Zweifel eine stabile Adresse von Freunden oder Eltern, bei denen nicht mit einem Umzug zu rechnen ist, da z.B. Paketstationen als Lieferadresse tabu sind.

Fazit

Crowdfunding (im Bereich der Gesellschaftsspiele) ist eine spannende Angelegenheit. Spiele mit aus der Taufe zu heben ist eine tolle Sache, wenn ihr euch stets der Risiken bewusst seid und das innere Kind unter Kontrolle behaltet.

Ich will hier keineswegs über Stretch Goals, Exclusives und teure Collector’s Editions nörgeln. Im Gegenteil, ich finde sie toll und freue mich über den ganzen Bonuskrempel und „Bling“, den ich aus dem Regal zerren und begaffen kann. Die Quintessenz ist jedoch folgende: Ihr seht ein Produkt und was ihr voraussichtlich bekommen werdet. Lasst euch aber nicht von den Exclusives und Bonusinhalten verführen. Entscheidet mit eurem Geldbeutel, ob die gezeigten Konzepte euch zusagen, und die Materialmenge insgesamt in einem angemessenen Verhältnis zum Endpreis und dem Risiko stehen, das man eingeht. Kommt ein Spiel in den normalen Handel wird es vielleicht sogar günstiger als im Crowdfunding zu haben sein – nur eben ohne die Bonusinhalte. „Haben vor Brauchen?“ ist hier das Stichwort. Regalplatz ist bekanntermaßen endlich und nicht jedes Spiel bekommt man so oft auf den Tisch, dass die Boni überhaupt jemals genutzt werden. Sie machen das Spiel größer und abwechslungsreicher – aber nicht besser. Meistens. Bemalte Ressourcenmarker gehen eigentlich immer. 😉

Insbesondere die Previews solltet ihr euch gründlich anschauen und die nicht immer ungefärbten Anteile ausfiltern. Im Prinzip gilt das auch für bereits erschienene Spiele, aber der Unterschied liegt darin, dass letztere sich einer breiteren Masse an Testern stellen müssen und so ein homogeneres Bild entsteht. Im Crowdfunding ist das in dem Umfang nicht möglich und sicher auch nicht gewollt. Seid also besonders Kritisch.

Was auf dem Papier so fein aussieht, kann sich außerdem als Fall für die Altpapiertonne entpuppen. Schwache Regelwerke, mangelhaftes Material und spaßbefreite Mechaniken sind durchaus Schicksale, die das heiß ersehnte Spiel ereilen können.
Eine pauschale Aussage lässt sich daraus aber längst nicht ableiten. Zu groß ist die Anzahl der Spiele, die ihren finanziellen Erfolg redlich verdienen. Wichtig ist eben, sich im Vorfeld mit allen vorhandenen Informationen zu beschäftigen, und sich so einen fundierten Eindruck von Hersteller und Spiel zu machen. Auch auf Messen kann man einige Prototypen vor dem GoLive des jeweiligen Projekts antesten. Wer die beschriebenen Risiken nicht scheut, kann sich mit einem kritischen Auge so manche Spieleperle angeln, die sonst an ihm vorbeigegangen wäre.

Unsere Top 3 der Crowdfunding-Spiele aus unserer persönlichen Sammlung:

Pierre:

  1. Scythe
  2. Myth (2.0)
  3. Outlive

Peer:

  1. Kingdom Death: Monster
  2. Herr des Eisgartens
  3. Cards Against Humanity

Markus: Traut sich nicht, seine Kreditkartendaten preiszugeben und hat noch kein Spiel gebacked. Spielt aber gern unsere Deluxe-Collector’s-Editions mit massig Stretch Goals und Exclusives mit.

Pierre

Pierre

Brettspieler, zelotischer Miniaturenbemaler und Gelegenheitsübersetzer
Pierre

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