Ihr habt doch alle keine Ahnung: Warum Android ein gutes Spiel ist

Android_boxAndroid – das kennen die meisten Leser vermutlich eher vom im gleichen Universum angelegten Android: Netrunner – ein Kartenspiel, das sich großer Beliebtheit erfreut und einen steten Strom von Erweiterungen erfährt.

Anders erging es dem 2008 (also weit vor Netrunner) erschienenen Brettspiel – offenbar war es nicht erfolgreich genug, denn der Hersteller Fantasy Flight Games hat es fallengelassen (und keine Erweiterungen produziert, was bei FFG Bände spricht), und eine Deutsche Fassung ist nie erschienen. Das ist sehr schade, wie ich finde.

Deshalb möchte ich mit diesem Rant eine Lanze für das Spiel brechen (denn es ist noch käuflich zu erwerben), typische Kritikpunkte ganz subjektiv auseinander nehmen und nebenbei ein Spiel vorstellen, das vielleicht dem einen oder anderen unbekannt ist und von Interesse sein könnte.

Ich werde die Regeln hier nicht im Detail nachbeten, greife jedoch immer mal wieder darauf zurück. Diese können hier als Ganzes heruntergeladen werden: Download
Jedem sei seine eigene Meinung zu dem Spiel gegönnt, die Kritikpunkte anderer sind also genauso valide wie mein Gegenanstänkern. 🙂

Kurzer Überblick

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Raymond auf der Suche nach Hinweisen in New Angeles

Android ist in einem sehr stimmig illustrierten Cyberpunk-Setting angesiedelt, das direkt aus Blade Runner stammen könnte. Es gibt Androiden, Klone, fliegende Autos, Bodymods, Dauerregen und jede Menge zwielichtige und abgefuckte Persönlichkeiten.
Grundlage des Spiels ist ein Mordfall, den jeder der teilnehmenden Spieler (Ermittler) aufzuklären bzw. irgendeinen „Täter“ festzunageln versucht. Ganz nebenbei gilt es auch noch, sich um seine aktuelle Lebenssituation zu kümmern, die anderen Ermittler zu behindern und aufzudecken, welche Organisation hinter dem Mord steckt. Das geschieht auf einem großen Brett, das die Megapolis New Angeles, den Mondaufzug Beanstalk sowie den besiedelten Mond abdeckt.
Die Ermittler haben zwei Wochen Zeit, in der Spielwelt herumzureisen, Hinweise zu sammeln, das Puzzle zu bauen, das die Verschwörung hinter dem Mord aufdecken kann und sein Leben ins Reine zu bringen.

Und was, wenn er gar nicht der Täter ist?

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Wer würde einem Klon schon glauben, dass er unschuldig ist?

Dies ist die wohl häufigste Kritik, die ich in Reviews zu Android gelesen habe: Man klärt keinen Mordfall auf. Man konstruiert einen „Frame Job“ – das beliebig wirkende Belasten der Verdächtigen mit Hinweisen.
Zu Beginn des Spiels wird in keinster Weise vorgegeben, welcher der ausgelegten Verdächtigen tatsächlich den Mord begangen hat. Stattdessen erhalten die Spieler sogenannte Hunch-Karten, welche ihnen vorgeben, welchen Verdächtigen sie möglichst belasten, und welchen sie tunlichst entlasten sollten, um an wertvolle Siegpunkte zu kommen. Die Ermittler haben gewissermaßen ein Bauchgefühl, das es zu verfolgen gilt – das aber auch komplett ignoriert werden kann, wenn man sich auf die anderen Aktivitäten konzentrieren will, was durchaus möglich und je nach Spielsituation sogar sinnvoll sein kann.

Warum finde ich diesen Kritikpunkt unpassend? Android ist

  • nicht Cluedo: Blade Runner-Edition und
  • kein Heile-Welt-Spiel, in dem zum Schluss eine Party im NAPD abgehalten wird, weil ein weiteres übles Subjekt der Gerechtigkeit zugeführt wurde.

Das Spiel findet in einer Dystopie statt – in welcher Dystopie hat man schon mal den guten Cop gesehen, der einzig mit lauteren Mitteln einen Fall aufklärt? Mir ist noch keine begegnet. Die Begründung erschließt sich aus den kommenden Abschnitten.

Dir geht’s scheiße? Na, dann guck mich mal an!

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So sieht ein korrupter Bulle aus – und seine Geschichte

Wenn man die einzelnen Ermittler und ihre sorgfältig ausgearbeiteten Hintergrundgeschichten betrachtet, wird man feststellen, dass jeder von ihnen entweder Dreck am Stecken hat, oder sein Leben (sofern der Begriff  auf Bioroide und Klone anwendbar ist) irgendwie nicht im Griff hat.
Louis Blaine ist ein korrupter Bulle, der am Tod seines Partners eine beträchtliche Mitschuld trägt; Raymond wird von den Dämonen seines Kriegseinsatzes verfolgt und Floyd, der Bioroide, balanciert auf einen schmalen Grat zwischen seiner Programmierung und dem, was Menschlichkeit bedeutet.

Android gibt sich nicht damit zufrieden, die Ermittler mit dieser Geschichte auszustatten und sie dann in die Hände der Spieler zu werfen und sie dann ihr Ding machen zu lassen – die Geschichten sind die Grundlage für ein wichtiges Element der Spielmechanik: die Plots. Jeder Ermittler durchlebt im Laufe des Spiels bis zu 2 verschiedene Geschichten (die Plots), in denen die Ermittler immer wieder vor folgenschwere Entscheidungen gestellt werden, die den folgenden Verlauf des Plots verändern und die daraus gewonnenen Siegpunkte beeinflussen.
Floyd muss beispielsweise im Laufe einer seiner Geschichten entscheiden ob er die Vorteile des bioroiden Daseins opfert (im Spiel Direktiven genannt, angelehnt an Isaac Asimovs Regeln der Robotik) um so zu einer menschlichen Identität zu gelangen.
Er kann sich aber auch dagegen entscheiden und die Vorteile behalten – muss dafür aber seine Zweifel am eigenen Wesen weiter ertragen und Siegpunkte opfern.

Jeder Ermittler muss sich entscheiden ob er den Fall voranbringt, die Verschwörung aufdeckt oder sein Leben in den Griff kriegt – alles auf einmal geht nicht.

Als ob ich eine Wahl hätte

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Ich hab‘ da so’n Bauchgefühl, wer es war

Der „Frame Job“ (siehe oben), den man hier aufbaut ist somit die folgerichtige Konsequenz aus den Plots und Hintergrundgeschichten, die Android erzählt. Keiner der Ermittler hat ein geregeltes Leben das es ihm erlauben täte, in aller Ruhe Beweise zu sammeln und den Verdächtigen im Verhörraum höflich Kaffee anzubieten. Man sammelt Spuren, mit denen man möglichst glaubwürdig den „Richtigen“ belastet. Und mit Spuren nagelt man nun mal keinen definitiven Täter fest. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Spurtypen unterschiedlich effektiv beim Belasten der Verdächtigen sind. Zeugenaussagen sind bei Schlägertypen nicht sehr hilfreich, Überwachungsvideos hingegen schon. Diese wiederum taugen kaum, um den Hacker zu belasten.

Beim Sammeln der Hinweise entscheiden die Spieler, welchen Verdächtigen sie damit belasten wollen, oder welcher Organisation sie damit am besten etwas anhängen können. Hört sich das nach Manipulation von Beweismitteln an? Oh ja, und es passt perfekt ins Szenario.

Jeder Ermittler hat ganz eigene Motive, den Fall, bzw. das Spiel für sich zu entscheiden. Der Klon (oder Klonin?) Caprice Nisei z.B. wird mit ihren „Schwestern“ erpresst und muss sich und ihrem Hersteller beweisen, dass ihre Modellreihe etwas leisten kann – sonst werden sie alle eingestampft.

Hier geht es also nur um eines: sein verdammtes Leben in den Griff zu kriegen und heil aus der Sache herauszukommen. Koste es was es wolle. Dass dabei wahrscheinlich die Wahrheit auf der Strecke bleibt, dürfte den Ermittlern insofern allenfalls ein Schulterzucken wert sein.

Tu‘, was du am besten kannst

Um das zu schaffen, bietet Android den Spielern verschiedene Möglichkeiten. Vielen war das zuviel, zu beliebig, zusammengeworfen und einfach nicht gut verzahnt.

Die wesentlichen Siegpunktgeber sind das „Aufklären“ des Mordes, das Aufdecken der Verschwörer hinter dem Mord, das positive Abschließen der Plots oder das Erlangen von Einfluss bei Konzernen und deren Funktionären. Eine Menge Optionen, das steht außer Frage. Aber ist das schlimm? Nein, würde ich sagen.

Das Ziel ist, etwas auf die Kette zu kriegen, das den dreckigen, brüchigen oder künstlichen Ermittlerhals aus der Schlinge zieht. Natürlich bietet sich das Präsentieren eines Täters an, aber keine Cyberpunkwelt wäre komplett ohne Megakonzerne, die jede Menge Leichen im Keller haben – vielleicht sogar die, um die es im konkreten Fall geht. Warum also nicht denen hinterherschnüffeln und jene belasten, die hinter dem Mord stehen (könnten).

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Louis bringt sein Leben wieder auf Kurs

Was bringt es mir, mit Gewalt einem hoffnungslosen Fall hinterherzuhecheln, wärend das eigene Leben den Bach runtergeht? Dann doch lieber die brüchige Ehe retten oder den Verlust eines Kriegskameraden bewältigen. Für mich sind die Plots das Salz in der Suppe, die sich Android nennt.

Die Mechaniken sind insofern verzahnt, als dass jedes Element Fortschritte und Rückschritte in den anderen Bereichen ermöglichen. Wer seinem Konkurrenten Hinweise wegschnappt, die dieser einem Verdächtigen anhängen wollte, kann sie zum eigenen Vorteil in die Verschwörung investieren. Bestimmte Aktionen wirken sich positiv auf die eigenen, und negativ auf die Plots der anderen aus. Das Betreten von schäbigen Locations erlaubt das Ziehen von Dunklen Karten, mit denen man unter anderem Spielern, die sich auf das Bewältigen ihrer Plots konzentrieren Steine in den Weg legen kann. Durch das organisieren von Gefallen bei Konzernen und Interessengruppen kann man dafür sorgen, dass unliebsamen Verdächtigen „bedauerliche Unfälle“ passieren, und so weiter.

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Die Hinterleute sind nicht weniger schuldig. Findet sie!

Jeder Ermittler hat eigene Stärken in Bezug auf diese Mechaniken, und so konzentrieren sich die Spieler sinnvollerweise darauf, das zu tun, was sie am besten können. Man konkurriert miteinander, aber nicht  immer auf den gleichen Schienen. Aufgrund der Dunklen Ermittlerkarten sitzen die anderen Spieler aber nie teilnahmslos herum, wenn ein Ermittler nicht direkt mit ihrem um das gleiche Ziel kämpft – mit diesen Karten kann man die Ermittler gezielt schwächen und ausbooten in dem, was sie tun.

Zugleich haben die Ermittler auch Schwächen, die man berücksichtigen muss. Der Alkoholiker Raymond beispielsweise sollte sich tunlichst von Etablissements fernhalten, in denen sein hochprozentiger Dämon ausgeschenkt wird, weil sich Dunkle Karten genau auf dieses Ereignis beziehen können. Geht er dennoch das Risiko ein, weil dort eine Spur verfolgt werden kann? Das liegt ganz bei den Spielern.
Diesen Dämonen und Hindernissen kann man mithilfe von Hellen Ermittlerkarten entgegen wirken, welche die Moral des Charakters stärken, ihm Vorteile verschaffen, Gefallen einfordern und ihn wieder auf die Spur bringen.

Cool story, bro

Spielt man das Spiel wie vorgesehen, liest man die Plottexte vor. Das dauert und verlängert die Spielzeit enorm. Dafür entsteht so eine einzigartige Atmosphäre, weil jede Karte einen Fluff-Text enthält, der sich direkt auf den Spieleffekt bezieht, den die Karte auslöst. Man wird also nicht in eine schäbige Bar versetzt „weil wegen is‘ so“, sondern aus ganz konkreten Gründen – weil der Alkoholiker Raymond nicht mehr widerstehen konnte.

Wer das überspringt, nimmt Android ein ganz wichtiges Spielelement: die Fantasie. Das Kopfkino. Wegen der enormen Spieldauer ist das Weglassen der Plottexte aber regelrecht notwendig, wenn man die Runde nicht auf mehrere Tage verteilen will. Zwar könnte man das Spiel anstelle von zwei Wochen nur eine Woche dauern lassen, ob das noch Spaß macht habe ich nicht testen können.

Obgleich Android lange dauert, fühlte es sich für mich nie so an. Durch die Geschichten und das Verfolgen dessen, was die anderen Spieler tun, um sie mit Dunklen Karten zu behindern, bleibt man immer am Ball. Einzig das geschundene Sitzfleisch erinnerte mich am Ende daran, dass eine Hand zum abzählen der gespielten Stunden kaum mehr ausreicht.

Wie Tränen im Regen

Am Ende bleibt ein Spiel, das leider zu selten auf den Tisch kommt, weil es am letzten Feinschliff fehlt, weil es zu lange dauert und die Mechaniken in ihrem Umfang Einarbeitung erfordern, damit man sie und ihre Wechselwirkungen in vollem Umfang genießen kann. Insofern kann ich es niemandem verdenken, der davon abgeschreckt wird, und dem Spiel wenig Gutes abgewinnen kann.
Ein gestraffter, kürzerer Ablauf hätte der Zugänglichkeit sicher geholfen, aber der Hersteller hat das Spiel aufs Abstellgleis abgeschoben und die Hoffnung auf ein Android 2.0 leider begraben.

PS: Wer Android an sich eine Chance geben will, oder schon gegeben hat, aber mit der „Frame Job“-Mechanik unzufrieden ist, kann auf boardgamegeek.com den sogenannten Director’s Cut (der allerdings keineswegs vom Designer stammt) herunterladen. Hier wird aus einem Frame Job ein tatsächliches Ermitteln des Mörders, ohne allzu viel an den übrigen Regeln zu biegen. Gespielt habe ich es so bisher nicht.

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Pierre

Pierre

Brettspieler, zelotischer Miniaturenbemaler und Gelegenheitsübersetzer
Pierre

4 Kommentare

  1. Endlich jemand, der Android versteht.
    Trotz aller berechtigten Kritikpunkte an dem Spiel ein Kunstwerk.

    • Ja, lange werden sich Markus und Peer auch nicht mehr um eine neuerliche Runde drücken können. 😉
      Schade, dass FFG sich – auf der Netrunner-Welle schwimmend – nicht zu einer 2nd Edition hinreissen lässt.

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